Gruftileben in den 90ern

Ich lag gerade so auf der Couch und habe mir das Leben als Gruftie „damals“ Anfang der 90er nochmal durch den Kopf gehen lassen. Au weia 😉
Nicht dass es schlecht gewesen wäre, nein, eigentlich nicht. Damals, als der X-tra Katalog (ja, nix mit X-tra-X, das X kam erst später, ein Schmarrn eigentlich) noch das Format eines DIN A 5 Hausaufgabenheftes hatte und die Seite mit den Schuhen als eine Schwarz-Weiß-Kopie einfach hineingelegt wurde. Gab ja eh bloß Pikes. Ja, ich hatte auch welche, 3 Paar und war stolz wie Bolle, eins war zu groß, Scheiß drauf, es waren MEINE Pikes. In Zeiten von Taschengeld damals noch ein Luxus.
Überhaupt die Klamotten, Samtlappen, ja, mei, das war einfach so, halt, und Satinrüschenhemden, Rüschenhemden allgemein, Jabots, Spitze. Damals war eine Einkaufstour nach London zum Amokshopping noch ein Event, man fand immer etwas Ausgefallenes, wohingegen jetzt es eigentlich im Vergleich zu damals nur „Ausgefallenes“ gibt und ich in London mittlerweile bevorzugt Fish and Chips kaufe. Die breite Fächerung der Gothic-Mode ist ja inzwischen nicht mehr zu toppen. Wann fings an, ich glaub mit den ersten Fotos von den ersten WGTs, fotografiert wurden diejenigen, die aus der schwarzen Masse rausstachen, also praktisch die,die weiß angezogen waren. Und heute, ha, wartet noch ein paar WGTs, dann werden die fotografiert, die schwarz angezogen sind 😉
Anhand der Outfitwahl erkennt man manchmal beim Weggehen, wie lange der oder diejenige schon in der schwarzen Szene ist, denn irgendwie bleibt man immer ein bisschen hängen. Klar, ich würde mit dem ganzen Neonringelzeug aussehen wie die Henne unterm Schwanz, nene, das überlass ich lieber denen, denen es auch steht. Andererseits gibt es auch Ausreisser, die in ihrem Stil nicht gefestigt sind und einmal einen auf Mangamädchen, dann wieder auf Samtlappen machen. Egal, erlaubt ist, was gefällt.
Das Einkaufen war ja auch nicht so einfach, da gabs keine Vampiria-und X-tra Ketten, die sich wie schwarze Lidls über Land ausbreiten, ich glaube das Underground gabs schon, bin mir aber nicht sicher.
Die Musik, hm, ich konnte ja wunderbar zu Silke Bischoff heulen, I don t love you anymore war der gebrochene Herzenssong schlechthin und die Fotos in den Booklets immer, ach fELIX, wenn Du das hier liest, Du warst der Held meiner Jugend 😉 biste natürlich immer noch, ist klar 😉
Dann das Weggehen, ha, das waren noch Zeiten, als Ralf den Dienstag im ZAP rockte, der beste DJ, den meine Füße je hatten. Dann kam Bernd und spielte systematisch die Tanzfläche leer 😦 Das wars. Das Drunter hatte inzwischen auch schon zu. Voice in Schwabach, zu weit damals. Das Highlight war der Ballroom in Esterhofen mit dem niemals alternden Tom Talionis.
Musikzeitschriften: Zillo und das wars, kein Orkus kein Gothic, nur Zillo und seine Bekannten von weiter weg lernte man durch die Kleinanzeigen kennen, damals gabs ja auch noch kein Schwarzes Glück.
Ja, und Lacrimosa. Damals ein Phänomen, allerdings habe ich ihn mal live, also als Besucher auf der damals noch stattfindenden Fetish Revolution gesehen und muss sagen: Lackaffe.
Mozart, Umbra et Imago, damals auch großes Kino und heute nicht mehr so. Irgendwann zieht halt die „Ich bin ein böser Vampir“-Nummer nicht mehr.
Lackaffen und Vampire, vielleicht war das damals auch das Styling, ich kann mich noch dran erinnern, dass ein Nasenring damals schon sehr revolutionär war und ich mir meinen „heimlich“ (sieht ja keiner) in London hab stechen lassen, nur für 3 Wochen, denn als ich vom Urlaub wieder daheim war hieß es „raus damit, solange Du noch nicht 18 bist, gehört Dei Nasn no mir“. Ja Mama.
An meinem 18. Geburtstag ging ich als stolze Eigentümerin meiner eigenen Nase dann zum Stechen lassen, was heißt stechen, schießen halt und hängte mir von da an glücklich ein Kettchen vom Ohr zur Nase. Das hat man damals so getragen. Jaja, ich war schon eine hippe Hippe 😉
Eine Kopfseite abzurasieren war Ehrensache, auch wenn meine Tante zur Begrüßung meinte ich sähe aus wie ein „nacketer Arsch“. Auch das geht vorüber 😉 Aber ich habe es genossen, das Zelebrieren des schwarzen Lebens, eigentlich heut auch noch, klar.
Jetzt fällt mir spontan nichts mehr ein, oh, vielleicht noch der „Vampires Guild“ in England, eine Art „Vampirgilde“ mit einer für damalige Verhältnisse superschönen Mitgliedszeitschrift. Die Mitgliedschaft, alles per Brief, ist klar, hat mir damals einer meiner Zillo-Brieffreunde geschenkt, Heinz V. aus Kempten. Jaja, Heinz ist jetzt nicht so der gruftige Name, das ist ihm sicher auch schon aufgefallen, aber ich fand ihn toll. Sollte ihn noch jemand unter der werten Leserschaft kennen, würde ich mich total über ein Lebenszeichen freuen, irgendwann verliert man sich doch aus den Augen. Obwohl…die Bekanntschaften, oder Freundschaften, die man damals geschlossen hat, halten teilweise noch heute. Ab und zu läuft man sich mal bei schwarzen Events über den Weg und ich freu mich jedesmal wieder, sie zu sehen. Das sind dann die, die nicht in Neonfarben rumlaufen. Die Alten quasi 😉
So, ich mag jetzt nimma. War ein schöner Ausflug ins damals, sollte mir noch irgendwas einfallen, werd ichs natürlich aufschreiben.
Gruselgrüsse,
Eve