Bussi Bussi und ein schlaffer Händedruck

Also man kann es mir auch nicht rechtmachen, gell. Ihr kennt das doch auch, dieses Bussi Bussi zur Begrüßung. Gruselig. Noch gruseliger, wenn es sich um reine Luftküsse handelt, wofür der Aufwand dann? Nein, nein, bei Bussi Bussi-Versuchen reagiere ich wie eine Katze, die zum Tierarzt muss: Ohren anlegen und wegducken, zur Not sich mit Gewalt in den Türrahmen spreizen. Sieht seltsam aus, ist aber so.
Ich denke das kommt daher, dass es sich hierbei um eine künstliche Herzlichkeit handelt, man küsst doch normalerweise nur Leute, die man gut kennt und gerne mag oder aber als Teenie auf Teeniepartys beim Flaschendrehen. Aber fast Unbekannte? Küssen? Huh, nee, jetzt, nicht so was machen.
Ich weiss noch, dass ich in der Schule beim Schüleraustausch mit den Franzosen mit Grauen die tägliche Abschmatzerei an der Bushaltestelle über mich ergehen lassen musste und mir dabei immer gedacht habe „Scheiße, Herpesalarm!!“ Nein, ich mag es einfach nicht. Und jetzt nicht, weil ich als alter Exilfranke mich den hiesigen Gepflogenheiten angepasst habe, bei denen ein gemumpfeltes „Morgen“ bereits ein Springbrunnen an euphorischer Begrüßungsherzlichkeit ist.
Ich mochte das schon auch vorher nicht, als ich noch nicht in Franken beheimatet war. Weil es einfach aufgesetzt ist, künstlich. Und ich damit nichts anfangen kann. Entweder begrüßt man jemanden herzlich, indem man ihn in den Arm nimmt oder gar einen (einen!) Kuss auf die Wange, nicht in die Luft, drückt oder man sagt distanziert „Wäh“, wenn man es auch so meint. Nicht?
Aber kommt mir nicht mit dem Showeffekt-Bussi Bussi, noch dazu, wenn man sich fast gar nicht kennt. Um die lieben Münchner hier mal zu entlasten: während meiner Zeit in München ist mir fast keiner mit dieser Unform an Begrüßung gekommen. Von wegen Schickeria und Bussi Bussi und so, nein nein, die Münchner sind schon ein feines Volk, die sich bei Begrüßungen zu benehmen wissen.
Es gibt nämlich auch Alternativen zu diesem albernem aufgesetztem Geschmatze: den guten alten Händedruck. Wenn er denn gut ist. Ein guter Händedruck ist wie eine Visitenkarte. Hinterlässt Eindruck, Abdruck oder Tiefdruck, je nach Druckstärke.
Ein Tiefdruckgebiet im Händedruckareal hat vor kurzem Gewitterwolken über meinem Kopf zusammenbrauen lassen, als ich bei einem mir bis dato unbekannten Facharzt war, der mir zur Begrüßung seine Schluffihand in meine Hand gelegt und toter Fisch damit gespielt hat. Huh, na, wie hoch war die Wahrscheinlichkeit, diesen Mann als kompetenten Mediziner anzunehmen? Richtig, ging so gegen Null. Wie soll man jemandem etwas zutrauen, wenn er einen derart schlaffen Händedruck hat?
Warum lernt man so etwas nicht in der Schule? Ich kann jetzt dank monatelanger Stochastikmarathons prima Wahrscheinlichkeitsbäume ausrechnen, aber keiner hat einem gesagt, auf was es sonst noch ankommt. Erste Eindrücke zum Beispiel. Da brauch ich jetzt keine Stochastik, um mir auszurechnen, dass die Wahrscheinlichkeit, mich von einem Arzt mit dem Händedruck eines Kindergartenkindes nochmal behandeln zu lassen, gegen Null geht.
Ein guter Händedruck zeigt mir sofort, mit wem ich es zu tun habe, ohne dass ich mich vorher mit der jeweiligen Person unterhalten habe. Unbewusst ist das Urteil bereits gefällt, der Rest der folgt sind Details. Ich weiss jetzt allerdings nicht, ob die Schluffis untereinander dann die festen Händedrucker als blöde Grobiane abstempeln, mit denen sie eh nicht spielen wollen. Vielleicht sind das dann diejenigen, die sich lieber links und rechts die Luftküsse um die Ohren hauen, „muah muah“ machen und sich dabei nicht blöd vorkommen ;).
Ich glaub ich geh nochmal zu dem Arzt, werf ihm meine Bussis um die Ohren und wenn der mich dann geisteskrank schreibt, dann ist diese These hiermit auch widerlegt.

Ha, Euer Frollein Shake-Hands, das den Luftikussen dieser Welt durch geschickte Einspreizung im Türrahmen gerne aus dem Weg geht